Vor 250 Jahren: die Idee zur Domplatz-Begrünung – heute vergessen oder missverstanden?

Die Anlage der „Plantage“ (1764/65)

Im Herbst 1763 unterrichtete Prinz Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-92) das Magdeburger Domkapitel und die ortsansässige preußische Regierungsbehörde von seiner Absicht, den Domplatz umgestalten zu wollen. Der Prinz, welcher auch den Titel des Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg führte, war seit 1755 Gouverneur der Festung Magdeburg. Mit seinem Vorhaben wollte er zum Schmuck der Elbestadt beitragen und sowohl den Einwohnern als auch den Angehörigen der Garnison etwas Gutes tun (eine öffentliche Promenade bestand damals lediglich mit der Allee auf dem Fürstenwall).

Die Gestaltung der "Plantage" auf dem Domplatz. Vereinfachte Darstellung nach einer Zeichnung von 1764 (die Markierung der Baumstandorte stimmt nicht mit der ausgeführten Anzahl überein; die vorgesehene Rasenansaat unter den Bäumen kam wahrscheinlich nicht zur Ausführung. Grafik: mk).

Die Gestaltung der „Plantage“ auf dem Domplatz. Vereinfachte Darstellung nach einer Zeichnung von 1764 (die Markierung der Baumstandorte stimmt nicht mit der ausgeführten Anzahl überein; die vorgesehene Rasenansaat unter den Bäumen kam wahrscheinlich nicht zur Ausführung. Grafik: mk).

Das Projekt Ferdinands von Braunschweig-Wolfenbüttel bedeutete eine deutliche Abkehr von den früheren Intentionen eines seiner Amtsvorgänger. Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676-1747) hatte in seiner Zeit als Festungsgouverneur zu Magdeburg die neue bauliche Fassung des ausgedehnten Platzes (ca. 2,5 ha) am Fuße des Doms veranlasst. Im Zeitraum 1700 bis etwa 1725 waren dort eindrucksvolle Barockbauten entstanden, darunter das Königliche Palais, das Zeughaus, die Domprobstei und die Domdechanei. Etwas später kam noch die Neue Möllenvogtei in schlichteren architektonischen Formen hinzu. Mit der Stiftskirche St. Nicolai und der ehem. Möllendorfschen Kurie wurden (abgesehen vom Dom) lediglich zwei ältere Gebäude in das Ensemble integriert. Die Platzfläche hatte der „Alte Dessauer“ um 1722 vollständig pflastern lassen. Spezielle Markierungen dienten der Aufstellung hier stationierter Truppen zu Paraden bzw. Exerzierübungen.

Dieses Pflaster ließ Prinz Ferdinand größtenteils wieder entfernen, lediglich an den Außenseiten blieb eine umlaufende Fahrbahn bestehen. Das so gewonnene Steinmaterial wurde zur Finanzierung der Umgestaltungsarbeiten benutzt. Weil die Platzfläche für Verkaufsmessen und als Exerzierplatz weiter benötigt wurde, erhielt sie eine Kiesdecke und blieb von sonstigen Veränderungen ausgenommen. Um sie herum bildeten Linden in Doppelreihen und Hainbuchen-Hecken einen grünen Rahmen („die Plantage“). Zum Schutz dieser Anpflanzungen hatte man ein hölzernes Geländer aufgestellt („die Barriere“), mehrere Tore gestatteten den Truppen sowie den Fuhrwerken der Händler einen Zugang zur Platzinnenfläche. Außerdem waren Drehkreuze für Fußgänger angebracht und einige Bänke aufgestellt. Die Arbeiten wurden größtenteils 1764 ausgeführt und waren im Sommer des darauffolgenden Jahres vollendet. Dem barocken Bauensemble Fürst Leopolds I. setzte Prinz Ferdinand somit eine Platzgestaltung entgegen, welche vom Gedankengut der Aufklärung getragen war (Einflüsse von Naturphilosophie, Humanität und Orientierung am Gemeinwohl).

Die Umgestaltung (1835) und Ergänzungen (1884)

Die Erhaltung der „Plantage“ auf dem Domplatz brachte in den folgenden Jahrzehnten einige Schwierigkeiten mit sich, wurde aber nie grundsätzlich in Frage gestellt. Wegen ungünstiger Standortbedingungen, aber auch häufigen Beschädigungen mussten öfter Bäume ersetzt werden. Um 1795 gab man wegen des hohen Instandhaltungsaufwandes das Geländer und wohl auch die Hecken auf. Im Jahr 1808 ging die Zuständigkeit für die Erhaltung der Bäume auf dem Domplatz von der preußischen Regierung auf die Kommune über.

Anlass zu einer Umgestaltung des Domplatzes gab die um 1825 begonnene Restaurierung des Doms. Als eines der ersten denkmalpflegerischen Großprojekte der preußischen Regierung war dieses Vorhaben von überregionaler Bedeutung und fand daher auch die rege Anteilnahme der Magdeburger Bürgerschaft. Gegen Ende der Arbeiten schlug der Oberbürgermeister Francke im Jahr 1834 die Erneuerung der inzwischen lückigen Baumpflanzungen vor, wobei zu Gunsten einer stärkeren Orientierung auf den restaurierten Dom die südlichen Baumreihen entfallen sollten. Durch seine Verbindungen zu höheren Regierungsbeamten und Vertrauten des Königs erlangte Francke schließlich auch die Zustimmung Friedrich Wilhelms III., wobei dieser auf eine Erhaltung der in gutem Zustand befindlichen Bäume an der Ostseite drang. Zu diesem Vorhaben wurde auch ein schriftlicher Ratschlag des Potsdamer Gartendirektors Lenné eingeholt, der aber (aus der Ferne abgegeben) zur Entscheidungsfindung in Magdeburg nichts Wesentliches beitrug. Wichtiger war hingegen die Mitwirkung Lennés an der Ausgestaltung des Grünstreifens um den Dom, welcher im Anschluss an die Restaurierung auf Veranlassung der preußischen Regierung angelegt worden war. Die Neubepflanzung des Domplatzes mit Linden, verbunden mit einer Modifikation von Lage und Richtung der neuen Alleen, kam im Laufe des Jahres 1835 zur Ausführung.

Der Domplatz im Zustand um 1900. Während die dreiseitigen Alleen und die Anlagen um den Dom auf die Neugestaltung von 1835 zurückgingen, wurden die äußeren Baumreihen um 1884 ergänzt (Grafik: mk).

Der Domplatz im Zustand um 1900. Während die dreiseitigen Alleen und die Anlagen um den Dom auf die Neugestaltung von 1835 zurückgingen, wurden die äußeren Baumreihen um 1884 ergänzt (Grafik: mk).

Während des 19. Jahrhunderts wandelte sich der bauliche Rahmen des Domplatzes. Das imposante Zeughaus war nach Brandzerstörung durch die Trainkaserne (1820) ersetzt worden. Domprobstei sowie Königliches Palais erfuhren Veränderungen und an Stelle der ehem. Möllendorfschen Kurie wurde das Appellationsgericht im spätklassizistischen Rundbogenstil errichtet (1846). Eine bedeutende Vermehrung des Baumbestandes auf dem Platz ließ der städtische Gartendirektor Niemeyer um 1884 ausführen. Im Anschluss an Regulierungen bzw. Neufassungen der Fahrbahnen und Bürgersteige wurden weitere Linden-Reihen an der West-, Nord- und Ostseite ergänzt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre sind dann das Umfeld des Doms und der Domplatz mehrfach Gegenstand von Diskussionen sowie Entwurfsplanungen zu städtebaulichen oder freiraumgestalterischen Veränderungen gewesen. Die meisten Ideen blieben unrealisiert, partielle Ergänzungen (z.B. in der Umgebung der 1921-23 erbauten Reichsbank) hatten nur vorübergehend Bestand.

Die „Neuerfindung“ des Domplatzes (1968-79)

Im II. Weltkrieg war auch der Domplatz schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, vor allem die Bebauung der Westseite ging nahezu vollständig verloren. Doch wurde um 1950 der Entschluss gefasst, den Platz in der architektonischen Fassung des 18. Jahrhunderts (und damit als Beispiel für eine wichtige Etappe der Magdeburger Stadtgeschichte) soweit möglich wiederherzustellen. So wurden die Barockbauten an der Nord- und Ostseite instandgesetzt bzw. z.T. originalgetreu rekonstruiert. An Stelle des zerstörten Appellationsgerichts entstand ein barockisierender Neubau, welcher die Rahmung des Platzes an der Nordseite stilistisch komplettierte.

Erst im Anschluss an diese Maßnahmen wurde die Instandsetzung der Platzinnenfläche (nach damaligen archäologischen Grabungen) diskutiert. Die Vorstellungen des Büros des Magdeburger Stadtarchitekten beinhalteten um 1968/69 grundsätzlich eine Orientierung an dem 1835 geschaffenen Zustand. Als Zutat sollten archäologische Befunde an der Ostseite ebenerdig dargestellt werden, welche schon in den 1920er Jahren vermutet, in den 1960er Jahren näher untersucht und schließlich als Reste der Kaiserpfalz Ottos I. aufgefasst worden waren. Die Position des Instituts für Denkmalpflege, wie sie dann 1977 in einer entsprechenden Zielstellung niedergelegt wurde, war dagegen auf eine möglichst einheitliche Gestaltung der Bodenbeläge (im Interesse einer klaren Wirkung des Doms) und eine vierseitige Alleenbepflanzung gerichtet. Mit letzterem glaubte man, sich einem vermeintlich barocken Gesamtzusammenhang anzunähern und damit eine stilistische Einheit mit dem (teilweise wiederhergestellten) baulichen Ensemble zu erzielen. Nach heutigem Kenntnisstand lag diesen Annahmen jedoch eine nur unzureichende Quellenforschung zu Grunde. Die tatsächlichen Intentionen des Prinzen Ferdinand, vor allem aber die Dom-Restaurierung in ihrer historischen Bedeutung und prägenden Ausstrahlung auf die Neugestaltung des Platzes waren offenbar nicht erkannt worden. Schließlich gelangte 1978/79 eine Neubepflanzung mit Doppelreihen von Linden an allen vier Seiten gemäß der denkmalpflegerischen Zielstellung zur Umsetzung, wobei die Linienführung der Alleen gegenüber dem durch einige Altbäume repräsentierten historischen Zustand abgeändert wurde.

Zustand des Domplatzes nach der Neugestaltung 1978/79, die Innenfläche erhielt um 1985 einen Plattenbelag (neben den neuen Linden-Reihen blieben einzelne Altbäume erhalten; Grafik: mk).

Irrungen und Wirrungen seit 1990?

Seit Anfang der 1990er Jahre stand der Domplatz wiederum im Zentrum umfassender städtebaulicher Überlegungen. Vor allem sollte der die Westseite des Platzes begrenzende Wohnblock durch eine angemessenere Architektur ersetzt werden. Gleichzeitig wurde auch die Idee der Sichtbarmachung der archäologischen Befunde an der Ostseite wieder aufgegriffen. Die dort im Jahr 2001 vollendete „Adaption Kaiserpfalz“ geht in ihrer monumentalen, von Sandsteinblöcken bestimmten Gestaltung weit über die Vorstellungen von 1968/69 hinaus. Indem sie eine große Lücke in die Baumreihen der Ostseite reißt, stellt sie auch eine empfindliche Störung des nach der denkmalpflegerischen Zielstellung von 1977 hergestellten Gesamtzustandes dar. Im Ergebnis der den Bau begleitenden wissenschaftlichen Untersuchungen wurde nachträglich festgestellt, dass es sich bei den Befunden nicht um die Kaiserpfalz, sondern um Reste einer Kirche aus ottonischer Zeit handelt. Die Nordseite des Platzes wurde mit dem Gebäudekomplex der NordLB (2002) neu gefasst, daran anschließend entstand das Hundertwasserhaus „Grüne Zitadelle“ (2005).

Erst allmählich (und in zeitlichem Nachgang der Entscheidungsfindungen mit Workshop und Wettbewerb von 1993 zur Bebauung der Westseite und zur Kaiserpfalz) lieferten archäologische Grabungen und bauhistorische Quellenforschung verlässliche Grundlagen für eine Präzisierung der Ansprache des Gebäudeensembles am Domplatz und seiner geschichtlichen Bedeutungen. Die fachkundige Untersuchung der historischen Freiraumentwicklungen kam dabei allerdings immer zu kurz. So ist auch zu erklären, warum heute – gegen Ende der sich über mehrere Jahre hinziehenden Arbeiten an Fahrbahnen und Innenfläche des Domplatzes -, ein Veränderungsbedarf hinsichtlich des Baumbestandes gesehen wird. Laienhaftes Verständnis zur historischen Entwicklung der Gartenkunst im Allgemeinen und lediglich diffuse Kenntnisse der konkreten Stadtgeschichte im Besonderen ließen die Vorstellung entstehen, dass zum barocken Gesamtensemble des Domplatzes unbedingt auch kleinkronige (durch regelmäßigen Formschnitt erzogene) Linden gehören würden. Diese Ansicht konnte durch die wissenschaftliche Auswertung diesbezüglicher Archivalien in jüngster Zeit nicht bestätigt, sondern sogar widerlegt werden. Dennoch wird gegenwärtig ein vollständiger Austausch der 1978/79 gepflanzten Bäume weiterverfolgt …

Zustand des Domplatzes nach der Neugestaltung der Platzinnenfläche, 2013 (Grafik: mk).

Zustand des Domplatzes nach der Neugestaltung der Platzinnenfläche (2013) und mit der bereits 2001 realisierten „Adaption Kaiserpfalz“ (Grafik: mk).