Westerhüser Park

… eine vergessene Vision und dunkle Schatten der Vergangenheit

Weit draußen, etwa 8 km Luftlinie vom Magdeburger Stadtzentrum entfernt, liegt der Westerhüser Park. Vor etwa einem Jahrhundert, als man der Elbestadt rasantes Wachstum und eine annähernde Verdopplung der Einwohnerzahl prognostizierte, war das Gebiet um das bereits 1910 nach Magdeburg eingemeindete Dorf Westerhüsen als Siedlungserweiterungsgebiet vorgesehen. Auf einem ca. 35 ha großen Areal, welches den markanten Höhenzug der Wellenberge einschloss, hatte man die Anlage eines Friedhofs für diesen künftigen Stadtteil beabsichtigt und dazu im Jahr 1917 einen Wettbewerb ausgeschrieben.

Einen der an Stelle eines 1. Preises vergebenen beiden 2. Preise bekamen die Magdeburger Friedrich Bauer (Gartenarchitekt), Kurt Schütz und Walter Günther (beide Architekten) zuerkannt. Bauer, der seit fast 20 Jahren in der Elbestadt wirkte und an der hiesigen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule seine künstlerischen Fertigkeiten vervollkommnet hatte, war im frühen 20. Jahrhundert ein überaus erfolgreicher Teilnehmer an Wettbewerben in ganz Deutschland gewesen. Viel beachtet und prämiert in der Ferne, kam er in Magdeburg offenbar nie im größeren Maße zum Zuge. Sein Entwurf für Westerhüsen überführte in gewisser Weise die gestalterischen Motive des Magdeburger Westfriedhofs in eine moderne Form, indem er (der Topographie angepasst) in Bögen geführte Hauptwege mit dem zweckmäßigen Grundraster der einzelnen Abteilungen kombinierte. Der Redakteur der renommierten Fachzeitschrift „Die Gartenkunst“, Carl Heicke, hatte diesen Wettbewerbsbeitrag als überragend und des 1. Preises würdig beurteilt. Die Magdeburger Jury konnte sich aber nicht zwischen jenem und dem Entwurf der Architekten Georg Süßenguth und Heinrich Reinhardt (beide Professoren an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg) entscheiden. Besondere Aufmerksamkeit in der gartenkünstlerischen Fachschaft hatte auch der Entwurf von Leberecht Migge (Hamburg-Blankenese) gefunden. Jener entfernte sich am weitesten vom althergebrachten Bild eines Friedhofs, da er Gedenkorte und die eigentlichen Begräbnisstellen funktional trennte. Die in klarsten Strukturen angeordneten Grabfelder sollten nur auf den nötigsten Umfang beschränkte „Gedenkzeichen“ erhalten, dem Besuch der Angehörigen boten dagegen gestalterisch aufgewertete „Gedenklauben“ in einem „Gedenkgarten“ einen würdevollen Rahmen. Trotz dieses Strebens nach großer Sachlichkeit hätten die vielfältig mit Stauden, Rosen, Duftkräutern und Sommerblumen bepflanzten Rabatten der Grabfelder dem Friedhof den Charakter eines großen Gartens verliehen. Bei der Vielfalt der Ideen von 1917 ist es umso schmerzlicher, dass das Friedhofsprojekt in Westerhüsen nie realisiert wurde. Auch die zeitgenössische Fachpresse beklagte, dass hier die engagierte Arbeit von 99 teilnehmenden Planern umsonst geblieben war.

In einer Ecke des Planungsgebietes entstand während der 1920er Jahre ein Begräbnisplatz in einfachster Ausführung, unweit davon wurde der Sportplatz „Tonschacht“ eingerichtet. Das übrige Areal ließ die Stadt im Zuge von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aufforsten und übergab es 1934 als „Volkspark Westerhüsen“ der Öffentlichkeit. Die genauen Umstände und Ziele dieser Maßnahmen sind offenbar nicht geklärt, einzelne Schneisen auf den Höhen der Wellenberge zeugen von einer anfangs verfolgten, dann jedoch nicht gänzlich umgesetzten Gestaltungsabsicht. Da die Bebauung der Flächen bei Westerhüsen nie im ursprünglich erwarteten Umfang realisiert worden ist, hat dieses Parkprojekt in den folgenden Jahrzehnten immer nur kurzzeitig Aufmerksamkeit erfahren. Zuletzt war das Gelände der Wellenberge nach 1990 wiederum Schauplatz von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Eine dunkle Facette der Magdeburger Geschichte ist mit dem Areal des Sportplatzes „Tonschacht“ verbunden. Dort entstand 1942 das Lager „Diana“ für Zwangsarbeiter, die im nahegelegenen Chemiewerk Fahlberg-List arbeiten mussten. Bei dem benachbarten Westerhüser Friedhof wurde der sog. „Ausländerfriedhof“ eingerichtet, auf dem man die in den Jahren 1941-45 in Magdeburg zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge beerdigte. Auf Weisung der sowjetischen Militäradministration erfolgte nach dem Kriegsende eine angemessene Gestaltung. Um 1995/96 wurde die Anlage zum „Feld der Vereinten Nationen“ umgestaltet. Seit 2005 erinnern ein Gedenkstein bei der Holsteiner Straße an den früheren Zwangsarbeiterfriedhof und eine Gedenkstele von Wolfgang Roßdeutscher an das ehemalige Lager „Diana“.

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