Glacis-Anlagen

… Promenade entlang des früheren Festungsgürtels

Im wehrtechnischen Sinne ist das Glacis eine von den eigentlichen Festungswerken nach außen flach abfallende Fläche, welche den Verteidigern ein freies Schussfeld bieten und ein unbemerktes Nähern der Angreifer verhindern sollte. In Friedenszeiten wurden die Glacis oft mit Gehölzen bepflanzt, um die Werke gegen ein Ausspähen zu maskieren oder für deren Instandhaltung nötiges Holzmaterial zu gewinnen. So waren auch in Magdeburg nach dem Ende der napoleonischen Besatzung erste Anpflanzungen durch die Festungsverwaltung begonnen worden.

Für die von Befestigungsanlagen umschlossene Stadt stand damit die Schaffung eines grünen Rings in Aussicht, der den Einwohnern später Gelegenheit zu Spaziergängen im Schatten von damals um Magdeburg so seltenen Baumbeständen geben würde. Doch die Anpflanzungen kamen nur langsam voran und so initiierte der Oberbürgermeister Francke im Jahr 1820 eine Spendensammlung, deren Erträge den Glacis-Fonds bildeten. Bis 1829 wurden daraus der Ankauf von Pflanzenmaterial, vor allem aber Arbeitslöhne für die ausführenden Militärangehörigen bestritten. Auch der wegen des Volksgartens (Klosterbergegartens) in Magdeburg anwesende königliche Gartendirektor Lenné gab Anregungen zu einzelnen Teilabschnitten. Das Engagement der Zivilbevölkerung für die Begrünung des Glacis richtete sich auf eine Unterstützung der Festungsverwaltung, der preußische Staat war Eigentümer der entsprechenden Ländereien und damit auch der Anlagen. Da aber die städtischen Mittel vorrangig für die großen Parks in Anspruch genommen wurden, gründete sich 1857 ein Verschönerungsverein, welcher gemeinschaftlich mit der Militärverwaltung für die Instandhaltung und weitere Verbesserung der Glacis-Anlagen sorgte.

Im Zuge der ab 1869 eingeleiteten ersten Etappe gründerzeitlicher Stadterweiterungen Magdeburgs und der damit verbundenen Verlegung großer Teile des Festungsgürtels musste jedoch diese alte Glacis-Promenade weitgehend aufgegeben werden. Einige Jahre später löste sich der Verschönerungsverein auf. Bei den modernisierten Festungswerken an der Westseite der Stadt war ursprünglich ein wesentlich schmaleres Glacis vorgesehen gewesen. Doch durch zusätzlichen Grunderwerb konnte das Gelände so erweitert werden, dass es nicht nur Raum für eine einfache Promenade bot. Nach Planungen des Garteninspektors Niemeyer entstanden zwischen 1870 und 1878 die Neuen Glacis-Anlagen, welche unter Ausnutzung der besonderen Reliefverhältnisse und durch geschickte Raumbildung bei der Bepflanzung trotz der geringen Breite des Glacis den Eindruck eines ausgedehnten Landschaftsparks erweckten.

Vertraglich musste sich die Kommune gegenüber der Militärverwaltung allerdings damit einverstanden erklären, dass im Kriegsfall die Anpflanzungen entschädigungslos zu beseitigen wären. Im Unterschied zu den meisten anderen deutschen Städten, wo aufgegebene Stadtbefestigungen in gärtnerischen Wallanlagen umgewandelt wurden, bestand in Magdeburg das Nebeneinander militärischer Funktion und ziviler Mitbenutzung (als Erholungsraum) bis in das 20. Jahrhundert hinein fort. Die Anlagen, welche ausgehend vom Klosterbergegarten die gesamte Westfront begleiteten, wurden im Norden im Zusammenhang mit der dortigen Stadterweiterung durch die Alleen des Kaiser-Otto- bzw. des Hohenstaufenrings an den Nordfriedhof angeschlossen. Auch die ostelbische Friedrichstadt war von einer Glacis-Promenade umgeben, welche jedoch im frühen 20. Jahrhundert dem dortigen Ausbau als Kasernenstandort weichen musste. Vom südlichen Glacis blieb nach dem Bau des Stern-Quartiers nur ein letzter Rest an der Steubenallee erhalten. Mit der Aufhebung der Festung konnte die Fläche des Werkes Ravelin III am Editharing den Glacis-Anlagen angefügt werden (1922-27), weitere Ergänzungen an Stelle des Ravelin I (nach dem Bau der Carl-Miller-Straße) kamen nur ansatzweise zur Ausführung.

Nach dem II. Weltkrieg waren einzelne Bereiche durch Überschüttungen mit Trümmerschutt in Mitleidenschaft gezogen worden. Eine schwerwiegende Beeinträchtigung der wichtigsten Teile der Neuen Glacis-Anlagen wurde dann durch den Bau der Tangente verursacht (Magdeburger Ring, 1969-75). Neben unmittelbaren Flächenverlusten bewirkt vor allem der Verkehrslärm eine Entwertung dieses Erholungsraums. Zwar wurde mehrfach versucht, durch einige gestalterische Erneuerungen die verbliebenen Abschnitte im Westen der Altstadt zu stärken, doch fristen die Glacis-Anlagen unter den historischen Gartenanlagen der Elbestadt trotz ihrer zentralen Lage und ihres einzigartigen historischen Ursprungs immer noch ein Schattendasein.

 zurück zur Übersicht