Opfer des Hochwasserschutzes? Gedanken zur Linden-Promenade Zollstraße

MD-Linden_kleinWorum geht es?
Das Hochwasserereignis im Sommer 2013 hatte den Magdeburgern eindringlich Handlungserfordernisse zum Schutz von Menschenleben und Sachwerten sowie zur Sicherung einer funktionsfähigen städtischen Infrastruktur vor Augen geführt. Damals lag der Maximalpegel etwa 75 cm über dem bisherigen Höchststand. Die „Jahrhundertflut“ 2002 bestätigte im Prinzip die Prognosen der Vorväter hinsichtlich einer vorstellbaren maximalen Elbflut (und „bestrafte“ damit Bausünden und Leichtfertigkeiten späterer Zeiten). Nach den Erfahrungen von 2013 müssen jedoch alle Beurteilungen zur Hochwassergefährdung der Elbestadt aktualisiert werden. Der nun eingeleitete Um- und Ausbau der Schutzanlagen beinhaltet auch Veränderungen der innerstädtischen Uferbefestigungen. Im April 2014 wurde eine Planung vorgestellt, die auf dem Großen Werder entlang der Zollstraße den Neubau der dortigen Ufermauer empfahl. An Stelle des jetzigen Abschlusses dieser Befestigung (ab Höhenniveau des Gehwegs) mit eisernen Pollern und Geländer soll eine bis zu 1,30 m hohe Betonmauer in einer Stärke von 60 cm errichtet werden. Zur Milderung der bedeutenden Änderung im Erscheinungsbild des Elbufers ist eine Natursteinverblendung vorgesehen. Um das Bauvorhaben möglichst zügig umsetzen zu können und Kostenmehrungen für umfangreiche Baumschutzmaßnahmen (deren langfristiger Erfolg für den Fortbestand der Bäume sehr skeptisch beurteilt wurde) zu vermeiden, soll die Reihe von Linden entlang der Zollstraße gefällt und nach Abschluss der Arbeiten durch Neupflanzungen ersetzt werden. [Presseberichte zum Vorhaben aus den Monaten April und Juli 2014 und Präsentation zur Veranstaltung des Tiefbauamtes im Juli 2014]

Welche Werte sind bedroht?
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfuhren die innerstädtischen Elbufer bedeutende Wandlungen: soweit es dortige Eisenbahnanlagen und Festungsbelange gestatteten, richtete man diese Bereiche als öffentliche Promenaden ein. Im Schatten von Baum-Reihen oder Alleen konnten die Magdeburger nun entlang der beiden Elbarme flanieren und von erhöhter Position Ansichten der Stadt und der Flusslandschaft genießen sowie den Schiffsverkehr beobachten. Aufwendig gestaltete Geländer (wie bis zum II. Weltkrieg entlang des Fürstenwalls vorhanden) oder Absturzsicherungen mit verzierten Pollern schränkten diese Sichten kaum ein und gaben den Uferpromenaden ein recht mondänes Flair. Die Elbufer waren damit Naherholungsraum für die um die Jahrhundertwende wachsenden dortigen Stadtteile, Grünverbindungen zwischen Wohnquartieren und Innenstadt sowie zu den öffentlichen Parks und Gärten entlang des Flusses, aber auch imageprägendes (und Gästen gern präsentiertes) Element des Stadtbildes. Während die Situation am altstädtischen Elbufer seit 1945 wesentlich überformt worden ist, blieben die östlichen Uferpromenaden an der Zollstraße (entlang der Strom-Elbe), aber auch an der Turmschanzen- und Büchnerstraße (entlang der Alten Elbe) in ihrem historischen Erscheinungsbild weitgehend erhalten.

Unausweichliches Übel oder akzeptabler Kompromiss?
Unstrittig ist, dass der Stadtteil Werder – gelegen auf einer Insel zwischen den beiden Elbarmen und damit im Hochwasserabfluss-Korridor des Magdeburger Stadtgebietes – besonderer Vorkehrungen bedarf, um ihn vor künftigen Flut-Ereignissen nach aktuellen Prognosen schützen zu können. Die Möglichkeiten, mobile Systeme vorzuhalten und nur im Katastrophenfall vor Ort anzubringen, wurden wegen des damit verbundenen personellen und organisatorischen Aufwandes als gegenüber einer baulichen Lösung weniger verlässlich beurteilt. Diese Positionierung besiegelte das Schicksal der eisernen Geländer entlang der Elbe, an einer Mauer führt damit kein Weg mehr vorbei. Die von Anwohnern gewünschte (und an anderer Stelle in Magdeburg auch schon realisierte) Ausführung in Form von Elementen aus Sicherheitsglas wurde wegen hoher Baukosten und des Wartungsaufwandes verworfen. In den Abschnitten, in denen die Brüstungsmauer (in Abhängigkeit vom leichten Anstieg der Straße) tatsächlich in einer Höhe von 1,30 m über dem Niveau des Gehwegs errichtet wird, ist sie zwar für den Spaziergänger überschaubar, die Aussicht aus sitzender Position von einer der (jetzt noch vorhandenen) Bänke aus wird jedoch vollständig verhindert. Immerhin ist an die Wiederanpflanzung von Bäumen gedacht. Allerdings soll dieser Ersatz nur zu etwa drei Vierteln des jetzigen Bestandes erfolgen (70 statt bisher 90 Bäume). An Stelle der im Altbestand und in während der 1990er Jahre ausgeführten Ersatzpflanzungen vorhandenen Winter-Linden (Tilia cordata) ist die Verwendung von Kaiser-Linden (Tilia x europaea ‚Pallida‘) als besonders großkronige Form beabsichtigt (bereits 1906 war für Ersatz- bzw. Ergänzungspflanzungen an der Zollstraße diese Art unter dem Synonym Tilia intermedia vorgesehen gewesen).

In ihrem Erscheinungsbild wird die jetzt transparente und grüne Ufersituation sich künftig steinern-martialisch präsentieren – passend zum neu installierten mittelalterlichen Image der „Ottostadt“? Oder ergibt sich daraus gar kein Verlust, da die östlichen Uferpromenaden auch schon in ihrem jetzigen Zustand von den Magdeburgern nur wenig wahrgenommen und genutzt werden? Tatsächlich ist die Aussicht von der Zollstraße auf die Stadtsilhouette mit den markanten Kirchen und dem „Lukasturm“ der Bastion Preußen heute nur durch einzelne „Fenster“ möglich. Dichter Gehölzaufwuchs am Fuß der Ufermauer bestimmt am Ostufer der Strom-Elbe das Bild. Im Abschnitt Turmstraße an der Alten Elbe ist die Nähe zum Fluss für den Spaziergänger kaum mehr zu erahnen. Diese umfangreichen Einschränkungen der Funktionalität der Promenaden gemäß ihrer ursprünglichen Bestimmung sind wenigstens teilweise auf die naturschutzrechtliche Behandlung der Elbarme im Magdeburger Stadtgebiet zurückzuführen. Jene sind als Schutzgebiet nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union ausgewiesen, welche artenspezifische Lebens- und Ausbreitungsräume schützen und deren Entwicklung sichern soll. So ist die Strom-Elbe als Wanderungskorridor für die Fischarten Lachs und Rapfen sowie für die Libellenart Grüne Flussjungfer bedeutsam. Weiterhin bietet der Landschaftsraum mit ausgedehnten Kiessandbänken günstige Voraussetzung für die natürliche Vermehrung der inzwischen seltenen, artenreinen Schwarz-Pappel. Im heutigen Zustand sind die Ufer (besonders dort, wo sich von den Promenaden früher reizvolle Sichten boten) jedoch zum größten Teil mit Aufwuchs des Eschen-Ahorns bewachsen, einer aus Nordamerika stammenden und sehr ausbreitungsfähigen Baumart. Man gewinnt den Eindruck, dass die aktuelle Situation in diesen Bereichen eher einen Zwischenzustand darstellt, mit dem naturschutzfachliche Zielsetzungen noch nicht optimal erreicht sind, städtebauliche dagegen noch nicht einmal eindeutig definiert wurden und daher gar nicht in eine fachübergreifende Kompromissfindung eingebracht werden konnten.

Information und Inwertsetzung – immer noch unzureichend?
Reaktionen aus der Öffentlichkeit beziehen sich nun (nach der jüngsten öffentlichen Vorstellung der Planungen am 15.07.14) auf die angekündigten Baumfällungen. Die alten Linden an der Zollstraße wurden mit Trauerflor und Gedicht-Flyern ausgestattet und eine online-Petition gegen die Fällungen eingerichtet. Diese Anteilnahme der Bevölkerung am Umgang mit dem öffentlichen Grün ist natürlich sehr begrüßenswert (dies war weiß Gott nicht immer so). Auch haben Erfahrungen in der jüngeren Vergangenheit, schmerzliche Verluste im Straßenbaumbestand und manch nicht ausreichend nachvollziehbare Begründung, die Aufmerksamkeit gegenüber diesbezüglichen Vorhaben aktiviert. Doch scheinen im Fall der Zollstraße die Darlegungen der Stadtverwaltung, gestützt auf Einschätzungen verschiedener Fachleute, einleuchtend: der Umbau der Ufermauer einschließlich der Rammarbeiten für eine Spundwand würde nicht ohne Beeinträchtigungen des Baumbestandes zu bewerkstelligen sein. Im Ergebnis wäre die Linden-Reihe auf lange Zeit von baubedingten Kroneneinkürzungen und wohl auch in manchen Fällen von „dahinsiechenden“ Exemplaren geprägt. Nach und nach müssten ausgefallene Bäume durch Neupflanzungen ersetzt werden – eine in ihrer einheitlichen Altersstruktur so eindrucksvolle Baumreihe, wie sie jetzt besonders im nördlichen Abschnitt besteht, wäre damit auch für spätere Generationen nicht wieder erlebbar. So groß die Skrupel gegenüber einer Fällung solch imposanter Altbäume sind und so schwer der Abschied auch fällt, so lassen die Planungen in Bezug auf den Baumbestand doch mittel- bis langfristig eine Heilung des jetzt eingeleiteten Eingriffs erwarten.

Anders liegen die Dinge aber hinsichtlich der Promenaden an den östlichen Elbufern insgesamt. Diese scheinen in ihrem Zusammenhang und ihrer Bedeutung kaum erkannt und wohl auch nicht Gegenstand einer übergreifenden städtebaulichen Zielbestimmung für die Stadtentwicklung Magdeburgs zu sein. Warum sonst fanden die Vorstellungen der Planungen für die jetzt angestrebten Veränderungen nur in Form von Anwohnerinformationen (wochentags am frühen Abend) statt – so als wenn es nicht um wesentliche Teile der Magdeburger Stadtlandschaft, sondern bloß um die Abstimmung einer neuen Parkplatzordnung oder die Aufstellung einiger Bänke im Wohnumfeld ginge? Dabei gab es doch schon einen Ansatz in dieser Richtung: im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA Sachsen-Anhalt, 2002-2010) hatte sich Magdeburg mit dem Thema „Leben an und mit der Elbe“ positioniert und im Workshop „Stadtbildprägende Elemente“ (2006) vielfältige Aspekte der Bedeutung des Flusses für die Stadt zum Thema gemacht. Allerdings musste man sich damals auf eine werkstattmäßige Momentaufnahme der mit raumplanerischen Maßstäben fassbaren Wertigkeiten beschränken, ebenso blieben kulturhistorische Deutungsversuche des Verhältnisses von Stadt und Fluss zum damaligen Zeitpunkt noch recht diffus. Schließlich standen bei den konkreten IBA-Projekten die altstädtischen Uferabschnitte bzw. die dortige Stadtansicht im Vordergrund.

Doch gaben die künstlerischen Auseinandersetzungen (Projekt „Die Elbe – [in] between“) und die wenige Wochen später folgende Netzwerktagung von Elb-Anliegern (mit internationaler Beteiligung) eine Fülle an wichtigen Impulsen. So wurde ja gerade im Vergleich deutlich, dass Magdeburg beispielsweise zwar keine so ausgedehnten, innerstädtischen Elbwiesen wie Dresden aufzubieten hat, dafür aber eben in wesentlich größerem Umfang jene typischen Promenaden mit dem über dem Fluss erhöhten „Balkon-Charakter“. Doch nun scheint es fast so, als sei nach dem Tagungsende 2006 das Licht ausgeknipst worden und als hat es keine weiteren Beschäftigungen mit dieser Thematik mehr gegeben. Auch Überlegungen, die Anforderungen des technischen Hochwasserschutzes mit Zielsetzungen der Stadtgestaltung und der Bewahrung des kulturellen Erbes in Einklang zu bringen, wie sie seit längerem in Dresden Gegenstand eines internationalen Forschungsprojektes und mehrerer Fachveranstaltungen waren, haben anscheinend Sachsen-Anhalt und die Landeshauptstadt Magdeburg noch gar nicht erreicht. Führen also nun die Sachzwänge des Hochwasserschutzes, aber auch der geduldete Aufwuchs einer invasiven Gehölzart (des Eschen-Ahorns) am Rand des FFH-Schutzgebietes dazu, dass Magdeburg etwas ganz Individuelles verliert, ohne es erkannt zu haben?