Junges Erbe neu entdeckt: der Altstädter Rosengarten

Rosengarten 2_20160817_signet2Den Anlass zur Beschäftigung mit dem jüngeren „Grünen Erbe“ in der Landeshauptstadt Magdeburg gab das bundesweit beworbene Projekt „Grünanlagen der 1950er und 1960er Jahre – Qualitäten neu entdecken“. Initiiert von der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz e.V. (GALK), gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Bund Heimat und Umwelt in Deutschland e. V. (BHU) wird dieses Projekt seit 2014/15 von der Technischen Universität Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, Fachgebiet Denkmalpflege, umgesetzt. Hauptzielrichtung ist dabei, die Aufmerksamkeit auf Grünanlagen der ersten Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg zu lenken, ihre Zahl und ihren Erhaltungszustand zu sondieren sowie ihre Besonderheiten und Qualitäten zu ergründen. Dabei richtet sich diese Initiative nicht nur an Gartenforscher und andere Fachleute, sondern ausdrücklich als „Vermittlungs- und Mitmachprojekt“ an die breite Öffentlichkeit. Nachdem entsprechende Informationsveranstaltungen in verschiedenen Städten der Bundesrepublik bereits Aufmerksamkeit erzielten, lud der Landesverband Sachsen-Anhalt der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt die Projektkoordinatorinnen und die Magdeburger im April 2016 in den IBA-Shop ein. Dort gaben kleine Inputvorträge einen Einblick in das Projekt „Grünanlagen der 1950er und 1960er Jahre“, in Entwicklungen des Magdeburger Stadtgrüns während dieser Jahre sowie in die Vorbereitung der Sanierung des Rosengartens Altstadt. Diese Anlage war anschließend Ziel eines Spaziergangs und Gegenstand weiterer Gespräche vor Ort.

Rosengarten 3_20160817Der Altstädter Rosengarten (so bezeichnet zur Unterscheidung vom Rosengarten im Vogelgesang) geht auf eine Planung aus den 1960er Jahren zurück, welche Anfang der 1970er Jahre zur Ausführung gekommen ist. Eng verknüpft mit der zeitgleich geschaffenen Promenade der Völkerfreundschaft (heute Elbuferpromenade) und der Grünverbindung oberhalb der elbseitigen Stadtmauer (Stephansbrücke) bildet er einen Auftakt unmittelbar an der Fußgängerbrücke, die zum Gartenband am Ufer der Strom-Elbe führt. Doch es gibt noch ältere „Wurzeln“ dieser Anlage. So nimmt der Rosengarten die Fläche des einstigen Gartens des Klosters Beatae Mariae Magdalenae ein, von dem seit dem II. Weltkrieg nur noch die kleine Klosterkapelle zeugt. An diese Geschichtlichkeit des Ortes knüpfte vor etwa 7 Jahren ein Bauvorhaben an, welches auf große Vorbehalte stieß und damit auch die öffentliche Anteilnahme auf den Rosengarten lenkte. Am Standort eines der Präbendatenhäuser des einstigen Klosters sollte ein neues Beginenhaus errichtet werden, mit Landesmitteln gefördert als städte- und wohnungsbauliches Modellprojekt. Mit diesem Baukörper (und dem Verkauf des städtischen Grundstücks an die Investoren) wären aber die wichtige Fußgänger- und Radverkehrsachse oberhalb der Stadtmauer gekappt und der Rosengarten durch eine (höchstens nur noch halböffentlich zugängliche) Neugestaltung ersetzt worden. So richteten sich massive Einwände der Anwohner, organisiert durch die GWA Altstadt, gegen das Vorhaben. 2010 konnten weit über 700 Unterschriften vorgelegt werden. Ihre besondere Wertschätzung für den Rosengarten brachten die Bürger durch die alljährlichen „Putzaktionen“ eindrücklich zum Ausdruck.

Auch wenn das Bauprojekt abgewehrt werden konnte, so befand sich der Rosengarten doch in einem renovierungsbedürftigen Zustand: in den einstigen Rosenbeeten herrschte Katzenminze fast in Reinkultur vor, wichtige Sichtbeziehungen zum Elbufer und zu den benachbarten Kirchen waren durch hochgewachsene Sträucher stark eingeschränkt. Schließlich konnte mit Mitteln aus dem Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ die seit langem gewünschte Erneuerung realisiert werden. Dabei wurde auf größtmögliche Bewahrung ursprünglicher Gestaltungsformen geachtet. Leider ließ der Zustand der beiden die Anlage dominierenden Altbäume deren Erhaltung nicht zu, die markante Platane an der Elbseite wurde durch eine Nachpflanzung ersetzt. Im November 2015 konnte der „Altstadtbalkon“, wie der Rosengarten wegen seiner erhöhten Lage über der Stadtmauer auch genannt wird, in neuem Glanz der Öffentlichkeit übergeben werden.Rosengarten 1_20160817Der Altstädter Rosengarten scheint eine von sehr wenigen Freiraumgestaltungen in der Landeshauptstadt zu sein, welche als Neuanlagen der 1950er und 1960er Jahre bis heute erhalten blieben. Umfangreiche Grünprojekte, die zum Teil noch heute das Bild der Stadt prägen, stammen vor allem aus den 1970er und 1980er Jahren. Allerdings verdeutlichten die Sondierungen in Vorbereitung der Veranstaltung zum Projekt „Grünanlagen der 1950er und 1960er Jahre – Qualitäten neu entdecken“, dass die gartenhistorische Forschung in Magdeburg zu diesem Thema noch ganz am Anfang steht. Viele Gestaltungen aus der DDR-Zeit oder Relikte damaliger Ergänzungen älterer Parkanlagen sind nach 1990 durch Modernisierungen ersetzt oder gänzlich beseitigt worden, eine Beurteilung des gartenhistorischen oder stadtentwicklungsgeschichtlichen Zeugniswertes ist dabei anscheinend nicht erfolgt. Dass vieles unerkannt blieb, liegt sicher an der bisher noch ausstehenden Erschließung zeitgenössischer Pläne, Schriftquellen und Überlieferungen durch Zeitzeugen. So blieb dann auch im Ergebnis des Austauschs bei der Besichtigung des Rosengartens der Eindruck zurück, dass das hier wirkende Bündnis der in der Gemeinwesenarbeit organisierten Anwohner in Zusammenarbeit mit dem nahegelegenen Seniorenzentrum zur Erhaltung dieser Gartengestaltung weit erfolgreicher war, als es einschlägige Verwaltungen und Fachverbände je hätten sein können (wie es ja etliche negative Entwicklungen in Bezug auf andere Teile des gartenkulturellen Erbes in Magdeburg während der zurückliegenden Jahre demonstrierten). Ein Gedanke, der es verdient, von den „fernen“ Initiatoren und Förderern des Projekts „Grünanlagen der 1950er und 1960er Jahre – Qualitäten neu entdecken“ reflektiert zu werden. Gespannt sein darf man auch, ob die angeregte Aufnahme des Altstädter Rosengartens als Kulturdenkmal (Gartendenkmal) in das Denkmalverzeichnis der Landeshauptstadt Magdeburg tatsächlich umgesetzt wird.