Glacis am Editharing – Entwertung oder Wiederentdeckung?

Gleich zwei große Bauprojekte beeinflussen die Grünanlage am Editharing: der Bau des Innenstadttunnels und die geplante Anlage einer zweiten Nord-Süd-Verbindung der Magdeburger Straßenbahn. In der Vorbereitungsphase des Tunnelbaues werden seit letztem Sommer rund um den Damaschkeplatz Entwässerungskanäle im Bohrverfahren angelegt. Einer der Bohrschächte ist dabei im südlichen Teil der Grünanlage positioniert worden. Das zweite Vorhaben wird den gesamten westlichen Randbereich der Grünanlage betreffen. Dort soll die neue Straßenbahntrasse einschließlich einer heutigen Maßstäben entsprechenden Haltestelle entstehen (vgl. Drucksache DS0271 vom 03.06.2013). Dass es sich bei der Grünanlage am Editharing um ein Kulturdenkmal handelt, zu dessen Erhalt und Pflege der Eigentümer (die Landeshauptstadt Magdeburg) gesetzlich verpflichtet ist, fand im Planungsverfahren zwar Erwähnung. Doch scheint die komplexe Bedeutung dieser Anlage nur Wenigen bekannt, selbst das Magdeburger Denkmalverzeichnis enthält in der betreffenden Objektcharakterisierung nur Oberflächliches, ja sogar grundlegend Falsches.

Entwicklungsetappen und heutige Situation im Überblick.

Entwicklungsetappen und heutige Situation im Überblick.

Bei dem im Stadtplan als grünes Dreieck auffallenden Bereich handelt es sich im Wesentlichen um das Gelände des ehemaligen Ravelin III, eines Werkes der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollkommen neu aufgeführten Westfront der Festungsstadt Magdeburg. Für diese neue Westfront waren damals der preußische Staat und die Kommune übereingekommen, dass der an der Außenseite vorgelagerte Geländestreifen (das Glacis) unter der Bedingung des Widerrufs im Kriegsfall als öffentliche Promenade eingerichtet werden konnte. Diese Gleichzeitigkeit von Neuerrichtung einer Befestigung und ihrer zivilen Mitbenutzung ist hier als Besonderheit von großem Interesse, erfolgte doch die Schaffung von Wallanlagen und ähnlichen Erholungseinrichtungen in der Regel erst nach Aufgabe und Schleifung von Wällen, Bastionen oder Stadtmauern. Im Anschluss an die zuerst hergestellten Neuen Glacis-Anlagen am Adelheidring gestaltete der städtische Garteninspektor Niemeyer während der 1870er Jahre auch diesen nördlichen Abschnitt. Durch geschickte Gehölzgruppierungen erhielt der Promenadenweg im schmalen „Grünkorridor“ des Glacis die Anmutung einer großzügigeren landschaftlichen Anlage. Zusätzliche Geh-, Reit- bzw. Radfahrwege an der Ostseite des Editharings beschattete eine Eschen-Pflanzung, welche sich entlang der Ringstraße an der gesamten Westfront einheitlich fortsetzte.

Nach dem I. Weltkrieg erfuhr die Anlage eine wesentliche Wandlung. Im Zuge der Aufhebung der Magdeburger Festung und damit einhergehender Flächenneuordnungen brachte die Stadt zwar das Glacis als ehemaligen Reichsbesitz in ihre Trägerschaft und sicherte damit den Fortbestand der Parkanlagen. Am Editharing jedoch war man gezwungen, ein Baufeld für die Errichtung eines Eisenbahn-Direktionsgebäudes abzutreten. Dieser Neubau unterbrach die bisherige Glacis-Promenade. Glücklicherweise war aber nach Aufgabe seiner militärischen Bestimmung das angrenzenden Ravelin III für die Öffentlichkeit verfügbar geworden. Unter Leitung des Gartendirektors Linke entstand dort ein neuer Promenadenweg, welcher den streng geometrischen Formen des Festungswerkes mit Wall und Graben folgte und eine attraktive „Umgehungsstrecke“ als Ersatz für die gekappte Glacis-Promenade darstellte. Diese um 1926/27 ausgeführte Freiraumgestaltung war eine der letzten unter der vielgestaltigen Anzahl von gartenkünstlerischen Umformungen ehemaliger Festungswerke in Magdeburg. Offenbar folgten am Editharing noch in den 1930er Jahren einige Ergänzungen.

Leider blieb dieser Zustand nicht ungeschmälert erhalten: unmittelbar nach dem II. Weltkrieg wurde der Graben des Ravelin III mit Trümmerschutt verfüllt. Damit verloren das Ravelin als Zeugnis der Magdeburger Festungsgeschichte an Aussagekraft sowie der dortige Promenaden-Abschnitt seinen besonderen Reiz. Noch tiefgreifender erwies sich aber die Errichtung der Stadttangente (Magdeburger Ring) in den 1970er Jahren, welcher die baulichen Reste des Ravelin III und Teile der Gartenanlage geopfert werden mussten. Im Anschluss daran wurden das Wegesystem im erhaltenen Grünareal neu geordnet und der Zugangsbereich am Damaschkeplatz umgestaltet. Leider erforderten außerdem die Einrichtung von Pkw-Stellplätzen eine Aufgabe von Geh-/Radweg und der Eschen-Reihe an der Ostseite des Editahrings. Neben dem Bahngebäude wurde ein zweiter Baukörper in die Anlage eingeordnet (ehem. Poliklinik der Deutschen Reichsbahn). Dieser war nun seit langem ungenutzt, so dass die Option eines Rückbaues zu Gunsten der Grünanlage denkbar erschien. Doch die Deutsche Bahn AG hat eine gewinnbringende Verwertung der Immobilie verfolgt (und damit – wie so oft – eine optimale Entwicklung im Sinne kommunaler Anliegen verhindert). Mit dem Verkauf sind nun privates Grundeigentum und eine künftige Wohnnutzung in diesem Teil der Glacis-Anlagen etabliert worden.

Die Sicherung der vielfältigen Spuren der preußischen Festungsgeschichte in Magdeburg ist seit längerem Ziel breiten bürgerschaftlichen Engagements und hat kürzlich mit der Erarbeitung eines komplexen Denkmalpflegeplans auch die strategische Grundlage erhalten. Im Ergebnis dieser Entwicklungen manifestierte sich die Erkenntnis immer mehr, dass gerade die enge Verbindung von Festungs- und Stadtgrüngeschichte in der Elbestadt eine Facette von ganz besonderer Individualität darstellt. Es bleibt zu hoffen, dass bei so wesentlichen Eingriffen in zentrale Bestandteile der „Magdeburger Festungs-Landschaft“ auf möglichste Zurückhaltung bzw. auf die Kompensation eingetretener Schäden hingewirkt wird. Die Anlage am Editharing verdient eine (Wieder-) Entdeckung und bietet einiges Potential für Instandsetzung und Verbesserung. Ein erster Schritt wäre das Bewusstmachen von historischen Hintergründen und erlebbarem Zeugniswert dieses geschichtsträchtigen Ortes …

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Weitere Informationen zu den Glacis-Anlagen in ihrer Gesamtheit finden Sie hier.